Der wandelnde Tod
von Anonym
Marada hing quer über den Sattelknauf ihres sächsischen Entführers.
Durch die Nacht drang das Trommeln von zwei Dutzend Hufen an ihr Ohr,
die ihrer Spur folgten.Streitrösser, geritten von der Leibgarde Yaladirs,
ihres Geliebten, donnerten durch das Unterholz des Waldes. Die Gerüstete
Krieger saßen ihnen fest im Nacken. Sie waren Bluthunde, die sie,
Fränkin aus vermögendem Hause, aus dem Griff des Wilden befreien würden.
Sie waren Jäger, die nicht eher ruhten, bis der Kopf des Sachsen eine
Lanzenspitze schmückte. Sie drehte sich, bis sie sein hartes Gesicht
sah, in dem die Augen wie Gletscher schwelten, und versuchte, ihn
anzuspucken.
Er dreht den Kopf weg und schlug ihr so kräftig auf die runde Kehrseite,
dass ihr die Tränen in die Augen schossen. "Bei Odin, lieg still, oder
ich schneide Dir den hübschen Hals durch, so wahr ich Grimnir Eisenkinn
heiße", herrschte er sie an. Die massigen Schultern und die Statur des
Sachsen verrieten enorme Kraft und Geschick mit der Waffe. Er fluchte im
breiten Dialekt der Nordalbingier, und Marada sah, wie er den Griff
seines Breitscherts in der Scheide lockerte. Er rechnete wohl damit,
dass jeden Moment einer der Verfolger aus dem Unterholz hervorbrach und
ihm den Weg abschnitt. Der Sachse trieb seinem Pferd die Sporen in die
Seite und jagte es tiefer in den nachtschwarzen Wald hinein.
Grimnir drang weiter in den Wald vor. Äste flogen ihr um die Nase und
rissen Strähnen ihres schwarzen Haares aus. Das Wiehern der Pferde stach
deutlicher aus dem Gebüsch hervor als noch zu Beginn der Hatz. Ein
Zittern erfasste Maradas Glieder, sie fror vor Kälte, Angst und
Müdigkeit, denn ihr Seidenkleid flatterte mehr als knapp um ihre üppigen
Hüften.
Ohne Warnung sirrte ein Pfeil wie eine Hornisse heran, ihr Pferd stieg
hoch, knickte am Hinterlauf ein und warf seine Last ab. Der Sachse
prallte gegen einen Baumstumpf und knurrte wie ein Wolf. Marada landete
am Ufer eines kleines Baches, dessen Moos ihren Sturz bremste.
Taumelnd stemmte sich ihr Entführer in die Höhe. Marada versucht, in die
Richtung von Yaladirs Reitern zu flüchten, aber Grimnir schnitt ihr den
Weg ab und packte ihren Arm. Sie quäkte unter seinem harten Griff. Da
war auch schon der erste Gegner heran.
Im Licht des Vollmonds sah Marada, dass der Mann nur einen Lederpanzer,
einen leichten Helm und einen Speer trug. Offensichtlich ritt er dem
Trupp als Späher
voraus. Die Hufe seines Pferds stampften über den Waldboden, als er auf
Grimnir zuhielt. In der Hand schwang er den Speer, sein Kampfschrei
zeriss die Stille das Waldes.
Grimnir schob Marada hinter sich, riss das Breitschwert aus der Hülle,
hielt es ausgestreckt vor sich und wartete auf seinen Gegner. Marada
kannte die Männer seines Schlages. Der Sachse war ein Söldner, ein
Heide, der jenseits der fränkischen Zivilisation lebte. Er hatte schon
in zu vielen Schlachten gekämpft, um sich vor einem Waldläufer zu
fürchten. Jüten, Franken, Sweonen, alle waren schon unter dem Schwert
seines Stammes gefallen.
Grimnirs grauen Augen verengten sich zu Schlitzen. Noch zehn Schritte
war der Reiter entfernt. Noch fünf. Der Speer zuckte im Mondlicht.
Grimnir glitt zur Seite und drosch auf den Schaft der Waffe. Das Holz
brach entzwei. Seine Pranke schoss vor und zerrte den Burschen am Gürtel
aus dem Sattel, während das Breitschwert den Weg durch die
Schulterblätter fand und knackend den Brustharnisch durchbrach. Bevor
der Späher auf den mit Blättern bedeckten Waldboden fiel, war kein Leben
mehr in ihm.
Marada klammerte sich an den Stamm einer Eiche und beobachtete mit vor
Angst geweiteten Augen ihren Entführer, der das Blut von seiner
Schwertklinge schüttelte. Überkeit stieg ihr die Kehle empor. Sie schrie
auf, als Grimnir mit wenigen Schritten bei ihr stand, sie über die
Schulter warf und die Flucht fortsetzte.
Der Söldner übersprang mit seinem menschlichen Bündel den kleinen Bach
und hetzte zwischen den Bäumen und Büschen hindurch. An dem Gebrüll, das
durch das Dickicht schallte, erkannte Marada, dass ihre Retter den
aufgespießten Kameraden entdeckt hatte. Grimnir folgte dem Lauf des
Baches, seine Lungen brannten, das Herz hämmerte. Ein weniger
ausdauernder Mann wäre längst den Feinden in die Hände gefallen. Doch in
Grimnir floss das Blut der Krieger aus den Marschen des Nordens. Wildes
Blut, das ihn vorwärts trieb, wo andere Männer aufgaben und starben.
Links und rechts surrten Pfeile und Armbrustbolzen an des Sachsen Ohren
vorbei und schlugen wütend in die Baumstämme. Er sog zischend die Luft
zwischen den zusammengepressten Zähnen ein und hetzte durch den
Pfeilhagel. Das Geäst schütze ihn vor den gefiederten Schäften. Bei
jedem Schnalzen der Bogensehen wechselte Grimnir die Richtung, duckte
sich, sprang seitwärts ins Gebüsch. Die Verwünschungen der Schützen
begleiteten ihn. Nach einer scheinbaren Ewigkeit endete der tödlicher
Hagel der Eibenholzpfeile.
Keuchend hielt Grimnir inmitten einer Lichtung inne. Vorsichtig ließ er
die fast besinnungslose Marada von der Schulter gleiten und stütze sich,
nach Atem ringend, mit den Händen auf die Knie. Am Waldrand, nur wenige
Schritte von ihnen entfernt, tauchten die Männer der Leibgarde aus dem
Gehölz auf. Gespannte Bogensehnen knarrten in der Stille der Nacht und
lauerten auf den finalen Schuss. Schwerter schleiften, als sie aus der
Hülle gezogen wurden, und ihre Klingen spiegelten sich im Licht des
Vollmonds. Trotzdem rührte keiner der Männer auch nur einen Finger, wie
angewurzelt verharrten sie am Rande der Lichtung. Marada sah Panik in
den Gesichtern der Männer aufsteigen. Sie blickte sich in der Lichtung
um. Eine furchtbare Erkenntnis weitete ihre Pupillen, bevor sie mit
einem leisen Schrei die Hände vors Gesicht schlug.Keiner der Ritter
sprach ein Wort, aber jeder Blick ruhte auf dem Hauptmann der Truppe.
Der hagere Mann in der Rüstung eines Burgunders biss sich auf die
Unterlippe. Dann hob er stumm die Hand als Zeichen zum Rückzug. Einer
nach dem Anderen traten die Krieger zurück in den Wald und verschwanden
in den Schatten der Nacht. Grimnir starrte ihnen voller Verblüffung
hinterher, und eisige Furcht umschnürte Maradas Herz. Sie kannte die
Lichtung nur zu genau. Wer sich zu dieser Stunde hierher verirrte, der
war verloren.
II
Marada stolperte, denn Grimnir hielt sie bei der Hand, beschleunigte
seine Schritte und ging auf das Ende der Schneise zu. Aus dem Schatten
der Nacht schälten sich Formen heraus. Schwarze Blöcke hoben sich gegen
den Sternenhimmel ab, Marmorbögen und die Reste von Treppen erhoben sich
unter der Last von Unkraut, wildem Wein und Efeu. Eine Ruine. Griminir
hob den Kopf. Der Vollmond verschwand hinter einer Wand aus Wolken, die
bis zum Horizont reichte. Mit einem Schlage wurde es stockfinster. Der
Sachse stapfte auf den Eingang der Ruine zu, der ihn wie ein zahnloses
Maul angähnte. Sollten Yaladirs Narren ruhig im lichtlosen Wald
umherirren und auf ihn warten, dachte er mit dem Fatalismus des
Steppenvolkes, er würde hier neue Kräfte tanken und bei Sonnenaufgang
den Wald schon viele Meilen hinter sich gelassen haben. Und falls sie
ihn tatsächlich im Gemäuer aufspüren sollten, nun, er wusste seine Haut
teuer zu verkaufen. An die Gründe des Rückzugs seiner Verfolger
verschwendete er nicht einen Gedanken. Er hielt sie für Narren, über
deren Motive nachzudenken Zeitverschwendung war.
Leise setzte er Marada auf der Türschwelle ab und betrat einen Innenhof.
Als sie zögerte ihm zu folgen, zog er sie harsch an den Fesseln um ihre
Handgelenke hinter sich her und fuhr sie an. "Willst Du Futter für Wölfe
und Bären sein?" Sie schüttelte den Kopf, dass ihre schwarzen Locken
flogen.
Als seine Augen langsam die Finsternis durchdrangen,sah er sich um. Über
den Innenhof erhob sich eine Kuppel, von Säulen ringsum gestützt. Soweit
Grimnir das Kuppeldach erkennen konnte, war es intakt. Rechter Hand
schlängelte sich eine Treppe zu einer Balustrade ohne Geländer, die den
gesamten Hof umfasste. Hohe Bogenfenster ließen den Blick auf die Wolken
zu, an einigen von ihnen flatterten zerfetze Vorhänge aus Seide. In der
gegenüberliegenden Wandseite hing eine Eichentür schief im Rahmen.
Grimnir betastete das Mauerwerk und fühlte Marmor. Glattes, teures
Marmor. Die Säulen zeigten Reste einer Ziselierung, die schon vor
Jahrhunderten abgebrochen oder geraubt sein mochte.
Ein Ächzen ließ den Sachsem herumwirbeln. Marada lag regungslos auf den
Fliesen. Grimnir beugte sich zu der erschöpften Frau herunter, und
flößte ihr einen Schluck aus seinem Wasserschlauch ein. Sie hustete und
kam zu sich. Grimnir legte ihr den Zeigefinger über die vollen
Lippen. "Schrei, und ich schneide dir die Zunge heraus, verstanden?" Sie
nickte. Er reichte ihr den Lederbeutel mit Wasser, und sie trank in
vollen Zügen. Als sie ihren Durst gelöscht hatte, erhob sie sich. "Wir
sollten nicht an diesem Ort sein, er ist verflucht", hauchte sie und
wickelte sich enger in ihr Kleid.
"Du kennst diese Ruine?
"Jeder kennt sie! Schreckliche Dinge sind hier geschehen und Geister
gehen hier ein und aus!"
"Ammenmärchen." Grimnir bleckte die Zähne wie ein Wolf, der ein Schaf
gestellt hat. "Ihr Franken seid eine abergläubische Sippe. Selbst
Yaladirs Halunken sind Memmen, sonst wären sie mir hierher gefolgt."
"Ausgerechnet du wagst es, jemanden einen Halunken zu schimpfen", sagte
sie und ballte die Fäuste.
Grimnir nahm Maradas Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger und drehte
ihren Kopf in Richtung der Fenster. "Eines muss ich meinem Auftraggeber
zugestehen, Sinn für mutige, leckere Weiber hat er."
Sie zuckte den Kopf zurück und fauchte: "Rühr' mich an, Kerl, und du
bereust es!"
Grimnir verschränkte die Arme vor dem gewaltigen Brustkorb und lachte
schallend. "Wie käme ich wohl dazu, dich anzurühren? Dein liebreizender
Gatte macht mich um einhundert Goldstücke reicher, wenn ich Dich
wohlbehalten bei ihm abliefere. Mit weiteren 30 Dukaten für den Kopf
Deines Liebhabers, aber die Chance habe ich ja leider vergeben." Marada
funkelte den Riesen böse an.
"Wir wollen sehen, ob wir einen Platz für die Nacht finden. Und
verkneife dir jeden Gedanken an eine Flucht, mein Schlaf ist sehr
leicht."
Sie gingen auf die zerstörte Tür zu. Staub wirbelte bei jedem Schritt
empor und kitzelte ihre Nasen. Die Luft roch nach Unrat und faulem
Gebälk. Vorsichtig steckte
Grimnir den Kopf durch den Türspalt. Der angrenzende Raum unterschied
sich kaum vom Innenhof. Allerdings erhellten weder Fenster die dunkle
Kammer, noch wiesen die Säulen Ornamente und Ziselierungen auf. Die
Mitte des Raumes füllte ein Stein, den Grimnir auf den ersten Blick für
einen Altar hielt. Als er das Zimmer betrat, sah er jedoch, dass es sich
um einen Schlachtblock mit Blutrinne handelte. An den Seiten des Blockes
hingen vier Metallringe, von denen fingerdicke Ketten baumelten. Eine
Kribbeln wanderte Maradas Rückgrat empor, sie hinter dem Söldner in den
Raum schlich. An die Wand neben dem Block lehnte ein Spiegel. Obwohl das
Glas trübe und milchig schimmerte, beeindruckte sie der Rahmen durch
Schnitzwerk und Ornamente.
Zu Grimnirs Freude hingen an den Wänden einige Fackeln in Halterungen
aus Gußeisen. Er griff sich eine Fackel, legte sie auf den Steinblock
und entzündete sie mit dem Feuerstein aus seinem Beutel. Dann er ging
zurück zur Tür, wuchtete sie in die Angeln und verschloss sie, damit der
Lichtschein der Fackel ihn nicht an die Feinde verriet.
Er schritt im Schein der Flammen an den Wänden entlang und untersuchte
sie. Falls Yaladirs Krieger wagten, in die Ruine einzudringen, wollte er
von jedem Spalt in der Mauer, jedem Abflussrohr oder Luftschacht wissen.
So wie ein Hund das Gras niedertrat und seinen Schlafplatz absicherte,
so sollte auch ein Krieger zusehen, dass er sich nicht freiwillig in
eine Falle legte. Und tatsächlich. In den flüchtenden Schatten erblickte
er hinter einer Säule, durch einen Brokatvorhang verborgen, zwei Türen.
Beide Türblätter, aus Eichenbohlen und mit Stahlspangen beschlagen,
standen dicht beeinander. Grimnir spürte den Luftzug, der unter der
linken Tür hervorströmt. Er klemmte die Fackel in eine Halterung und
drückte das Schloss einen Spalt breit nach innen. Die Tür öffnete sich
und offenbarte eine Stiege aus Holz, die nach oben führte. Grimnir roch
den Duft von Kiefern und rottem Laub.
Er schlüpfte in das Treppenhaus, die Stiege empor, bis er auf einem
breiten Sims landete, der früher ein Balkon gewesen sein mochte. Knapp
unter ihm erhoben sich die Baumkronen des Waldes. Der Wolkenschleier
zerriss und im Sternenlicht sah Grimnir über die Ebene hinweg, in der
sich der Wald erstreckte. In beinahe drei Meilen Entfernung glimmten
zwei Punkte. Lagerfeuer. Ein Lächeln huschte über Grimnirs vernarbte
Züge. Wenn es Yaladirs Pack war, das sich an den Feuern wärmte, dann war
die Bande nich feiger, als er angenommen hatte. Der Sachse drehte auf
den Hacken um und kroch die Stiege herunter.
Marada wartete ungeduldig beim Eingang, durch den sie den Raum betreten
hatten. Sie vermied es tunlichst, in die Nähe des Schlachtblockes zu
gehen. Ja, der Steinklotz verursachte ihr sogar beim Hinsehen Ekel und
Abscheu. Grimnir zog die zweite Tür auf. Als wären die Scharniere erst
vor kurzem geölt worde, glitt sie dem Söldner entgegen.
Eine Wendeltreppe drehte sich in die Erde. Grimnir entzündete eine
zweite Fackel, um Marada nicht in der Finsternis zurück zu lassen, und
schritt die Stufen herunter. Nach der ersten Biegung der Treppe stoppte
eine Mauer seinen Abstieg. Die Steine, die vor seiner Nase emporragten,
passten nicht zum Rest des Gebäudes. Wackersteine, Lehmziegel und
Findlinge schienen in aller Eile mit Mörtel aneinander gefügt worden zu
sein. Noch etwas weckte Grimnir Interesse. Holzbalken, so dick wie das
Bein eines Mannes, stützen die Mauer.
Grimnir blickte gegen die Decke, entdecke jedoch keine Risse oder Spuren
eines Einsturzes. Er zuckte mit den Schultern und wand sich zum Gehen
um. Dabei knackte etwas unter seiner Hacke, das unter einer Staubschicht
verborgen lag. Er hob es auf und hielt es ins Licht der Fackel. Eine
Amulett aus Gold mit einem achteckig geschliffenen Bernstein in der
Mitte. Rings um den Stein reihten sich Runen aus Silber und Lapislazuli.
Ein Pfiff zwitscherte über Grimnirs Lippen. Dieses Schmuckstück brachte
beim Hehler in Taragora gut und gerne dreißig Dukaten. Solch edlen
Talisman hatte er das letze Mal am Hals eines Priesters des Sonnenkultes
baumeln sehen. Also war die Krabbelei in diesem Gebäude mit seinem Mief
und Dreck nicht umsonst gewesen. Egal, wer das Amulett hier verloren
hatte, für Grimnir bedeutete es ein neues Pferd, viel Wein, dralle
Dirnen und deftigen Schinken. Er schob das Amulett in seinen Geldbeutel
und stieg die Stufen hinauf.
Nachdem seine Tritte auf der Wendeltreppe verhallt waren, herrschten
hier unten vor der Mauer wieder Stille und Dunkelheit. Plötzlich zog ein
Lufthauch vom Boden hoch, wirbelte den Staub auf und ließ die Spinnweben
erzittern. Immer schneller dreht sich der Staub, einer Spindel gleich.
Eisiger Atem, wie aus den Abgründen zwischen den Sternen, strich über
die Wände. Der Wind fuhr durch die Ritzen zwischen Ziegeln und Mörtel.
Kalk rieselte zu Boden. Etwas regte sich. Hinter der Mauer erzitterte
eine Kreatur, als sie erwachte. Fleischlose Kiefer malmten aufeinander
und bleckten die Zähne. Voller Hass stierte das Wesen auf seine Hände.
Totenkrallen, die sich wie knorrige Äste krümmten. Es kratze mit seinen
Nägeln am Gestein. Zuerst leise und vorsichtig, doch dann mit
dämonischer Wut, bis der erste Ziegel brach.
III
Oben im Raum mit dem Schlachtblock angekommen, winkte Grimnir Marada zu
sich. Zögernd schritt das Mädchen auf ihn zu. Grimnir sah, dass es
fröstelte. Er zog seinen Umhang aus und reichte ihn ihr. "Ich will
nicht, dass meine Ware Frostbeulen bekommt", sagte er und zinkerte ihr
zu. "Leg dich dort drüben zwischen die Säulen und schlafe. In ein paar
Stunden ist Sonnenaufgang, und dann will ich bereits auf den Weg nach
Süden sein."
Ohne Widerspruch tat sie, was ihr geheißen wurde,obwohl sie sich vor dem
Opferstein, wenige Schritte von ihr entfernt, fürchtete. Aber die
Müdigkeit, die durch ihren Körper kroch, hatte jeden Funken des
Widerstandes in ihr erstickt. Außerdem hatte ihr Entführer, als er mit
muskelschweren Armen und dem Rücken eines Bären an der Wand saß, das
Breitschwert über die gekreuzten eine gelegt, seinen Schrecken verloren.
Er war wild und ein Schurke, gewiss. Aber gegen den Wald mit seinen
Tieren, war er die bessere Wahl, selbst in der verfluchten Ruine.
Marada wickelte sich in den Umhang und legte sich auf die Marmorfliesen.
Der Riese, der ihr gegenüber hockte, verschwamm vor ihren Augen. Bilder
der letzten Stunden wirbelten als Fetzen durch ihre Bewusstsein. Der
Söldner, wie er durch das Turmfenster ihres Schlafgemachs sprang.
Yaladir, der mit dem Schwert den Eindringling attakiert. Das
Breitschwert des Sachsen, mit dem Blut ihres verwundeten Geliebten
beschmiert. Ihre Entführung. Der Wald. Wie aus einem dunklen Gewässer
heraus tauchten jetzt neue Bilder auf. Fremde Orte und Menschen, die
Marada nie in ihrem Leben gesehen hatte. Sie sah einen schönen Mann zu
Pferde. Sein Gesicht war von verblüffendem Ebenmaß, sein Körper, in Gold
und Seide gehüllt, glich mehr einer Statue als einem Menschen. Der Mann,
ein Fürst oder Adliger vielleicht, ritt durch die Gassen einer Stadt.
Das Volk grüßte ihn und küsste seine Füße und sein Gewand, wenn er
vorbei ritt. Er lächelte, warf eine Hand voll Goldmünzen in die Menge
und strich voll Zärtlichkeit über die Köpfe der Kinder und Alten.
Sein Weg führte ihn zu den Armenhäusern. Vor einer Baracke zügelte er
sein Pferd. Er stieg ab und betrat den Verhau. Als er bei
Sonnenuntergang wieder zurück auf die Gasse trat, lag ein Mantel aus
schwarzem Leinen um seine Schultern und eine Kapuze hing ihm weit ins
Gesicht. Eng an Hauswände und Eingänge gedrückt schlich er über das
Kopfsteinpflaster. Nichts majestätisches war mehr an ihm, er glich einem
Wolf auf der Jagd. Er näherte sich dem Marktplatz mit seinen zu dieser
Stunde verwaisten Ständen. Als der Mann eine Magd erblickte, die das
Karree in seine Richtung überquerte, duckte er sich hinter einen Stapel
Kisten. In seiner Hand wiegte er eine Phiole. Kaum war die Ahnungslose
neben ihm, schnellte er aus seinem Versteck empor und blies ihr
pupurnen Staub ins Gesicht. Die Frau taumelte und schlug ohne Besinnen
auf das Pflaster. Eilig zog der Mann die Magd an den Füßen hinter sich
her auf ein geschlossenes Tor in der Nähe zu. Er stieß es mit der Hacke
auf und verschwand mit seinem Opfer in der Dunkelheit. Der Weg führte
durch einen Tunnel, nur spärlich durch Fakellicht erhellt.
Marada stöhnte im Schlaf und wälze sich herum. Jede Faser in ihr sehnte
sich danach zu erwachen, dem Traum ein Ende zu setzen. Doch sie musste
mit ansehen, wie der Fremde die Schlafende eine gewundene Treppe nach
oben schleifte und eine Tür öffnete. Marada erkannte den Ausgang sofort
wieder. Es war die Tür, hinter der sich die Wandeltreppe verbarg. In
ihrem Traum hinderte keine Mauer den Zugang nach unten.
Der Fremde schleppte die Magd zum Schlachtblock, wuchtete sie hinauf und
fesselte sie an Armen und Beinen. Mit einem Ruck warf er die Kapuze in
den Nacken und offenbarte sein makellloses Gesicht, das nun durch einen
Ausdruck reiner Bosheit entstellt war. Jedoch war die Bosheit nicht das
einzige, was Marada an ihm auffiel. Um seinen Mund hingen Falten, und
die Haare in der Stirn kräuselten sich in grauen Strähnen. Der Mann
musste innerhalb weniger Stunden um Jahre gealtert sein. Er ging zu dem
Spiegel und strich über dessen Rahmen. Sein Abbild verzerrte sich,
schrumpfte zusammen, wurde zu dem eines Greises. Marada ahnte, dass sie
im Glas die wirkliche Natur des Fremden sah.
Der Mann kehrte zurück zur auf den Schlachtblock gebundenen Magd. Aus
dem Ärmel seines Mantels zog er einen Krumdolch, zielte auf die Brust
der Schlafenden, schwang die Klinge in weitem Bogen nach unten und
versenkte das Messer bis zum Heft. Der Spiegel funkelte heller und
heller. Das Antlitz des Greisen verblasste, und je schwächer es wurde,
um so jugendlicher wirkte der Fremde. Die Falten verflüchtigtigen sich
wie Eis in der Sonne. Er dehnte und streckte sich wie nach einem
erholsamen Schlaf. Mit einem Ruck befreite er das Messer aus der Wunde
und zuckte zusammen. Der Dolch klirrte auf den Marmor.
Ein Pfeilschaft ragte plötzlich aus seiner Schulter. In der Eingangstür
stand ein Bogenschütze, hinter ihm drängte Pöbel mit Fackeln, Mistgabeln
und Knüppeln bewaffnet in den Raum. Der Mann warf den Umhang von sich
und versuchte zu fliehen, doch im Nu umringten die Eindringlinge ihn.
Fäuste schwangen durch die Luft, Eine Mistgabel grub sich tief in seinen
Oberschenkel. Der Mann schrie, doch die Menge schubste ihn vor sich her,
auf die Wendeltreppe zu. Rückwärts schlug er die Stufen hinunter.
Sie banden ihm Arme und Beine mit Ketten und rollten Steine und
Felsbrocken auf den Karren herein. Hand in Hand reichten die Männer die
Ziegel einem Baumeister zu, der sie in Eile stapelte und verfugte. Angst
stand in den Augen des Fremden. Er robbte in Ketten auf seine Peiniger
zu, flehte, bettelte um Gnade. Sie beachtete ihn nicht, sondern fügten,
Gebete auf den Lippen, Stein auf Stein. Als der letzte Ziegel die Lücke
schloss, trat ein Schamane heran und hob beschwörend die Hände. In
seinen Fingern glitzerte ein Amulett. Der Priester vollendete seinen
Bann, indem er das Schmuckstück, unter dem Gemurmel von Zaubersprüchen,
vor der Mauer niederlegte. Hinter den Steinen erklang Gejammer, doch die
Männer drehten sich um. Sie durchschlugen die Fesseln der Magd, legten
sie sanft auf einen Karren und fuhren mit ihr hinaus in den Wald.
Maradas Geist durchschritt im Traum die Mauer. Sie sah den Fremden, wie
er auf allen Vieren zum anderen Ende des Geheimganges kroch. Seine
Finger gruben sich in den Erdboden, zogen ihn Zoll für Zoll vorwärts.
Nach lichtlosen Tagen erreichte er sein Ziel. Jedoch als wenn die Götter
ihn verhöhnten, versiegelte eine weitere Mauer den Ausgang. Tränen
rannen durch den Dreck auf seinen Wangen. Der Kopf sackte ihm auf die
Brust. Er starb. Ratten huschten durch das Dunkel des Tunnels und
begannen ihr Mahl, kaum dass er gestorben war.
IV
Die Fränkin spürte, dass eine Berührung den Traum wie eine Nebelwolke
auflöste. Etwas kaltes strich ihren Arm empor über die feste Brust und
fühlte ihren Herzschlag. Schlagartig öffnete Marada die Lider und
starrten in zwei Augenhöhlen dich vor ihrem Gesicht. Schädelknochen, nur
dürftig mit ledriger Haut bedeckt, lugten unter einer Kapuze heraus.
Verwesungsgeruch schnürte ihr die Kehle zu. Marada schnappte nach Luft
und schrie, bis ihre Lungen schier zerrissen.
Grimnir sprang empor, das Schwert in der Faust. Verdutzt starrte er auf
die Gestalt in der Kutte, die sich über Marada beugte. Obwohl er die
Augen geschlossen hatte, war sein Schlaf so leicht wie der eines wilden
Tieres gewesen. Auf jeden Fall hätte er den Vermummten bereits bemerken
müssen, als dieser den Raum betrat. Er stürmte auf die Gestalt zu und
stieß ihr den Hacken seines Stiefels in den Rücken. Ohne einen Laut
drehte sie sich zu dem Sachsen um. Grimnir erbleichte. Was ihm dort
gegenüber stand, musste seinen Weg aus der Gruft unter die Lebenden
gefunden haben. Seine Nackenhaare stellten sich auf, als der Leichnam
mit erhobenen Klauen auf ihn zuschritt. Er zog Ketten hinter sich her,
die ihm um die Fußgelenke baumelten und über die Fliesen klirrten.
Wie gebannt blickte Grimnir in das von Maden zerfressene Gesicht. Seine
Beine schien am Boden festgefroren zu sein, sein Schwertarm hing gelähmt
herab. Er hatte in seinem Leben schon viel gesehen, aber der Anblick
eines wandelnden Toten schürten die Angst des Heiden vor dem
Unerklärlichen. Die Schauermärchen seines Volkes, am Lagerfeuer erzählt,
blitzten in des Sachsens Erinnerung auf. Geschichten von Geistern,
Irrlichter und Toten, die die Lebenden
verschlangen.
Mit einem Fluch riss er sich aus der Erstarrung und drang pochenden
Herzens auf den Toten ein. Er rammte Spitze seines Schwertes in den
Brustkorb des Wiedergängers. Ein abgehacktes Krächzen rasselte aus dem
Maul des Wesens. Scherzenschreie, dachte Grimnir. Sogleich wurde ihm
sein Irrtum klar. Der Tote lachte ihn aus. Gänsehaut prickelte auf
seinem Schultern.
Er zog des Schwert zurück und hieb die Klinge auf den Totenschädel. Sie
spaltete den Kopf bis zu den Zähnen. Der Tote umklammerte die Klinge mit
den Mumienhänden und wuchtete sie aus dem Schädel. Grimnir wollte den
Schädel mit einem weiteren Hieb endgültig zerschmettern, doch die
Knochenkrallen umspannten den Stahl wie einen Schraubstock. Er kämpfte,
um das Schwert aus dem Griff der Bestie zu befreien. Die Kraft des
untotes Fleisches übertraf die des Sachsen bei weitem. Dämonische Mächte
wirkten hier. Langsam drehte der Leichnam den Schwertschaft aus Grimnirs
Fingern. Schweiss rann ihm den Hals hinunter. Taubheit und Kälte wuchsen
in seinen Fäusten. Mit einem Scheppern fiel das Breitschwert zu Boden.
Grimnir zog den Dolch aus seinem Gürtel, duckte sich und umkreiste die
Leiche. Er fletschte die Zähne, sein Herz raste. "Komm nur", brüllte er,
"wer einen Kopf hat, der kann ihn auch verlieren, egal aus welcher Hölle
er gekrochen ist".
Der Untote blieb stehen, senkte das Haupt und schob die Hände in die
Ärmel seiner Kutte. Regungslos verharrte er in dieser Position. Grimnir
spannte die Glieder. Sollten seine Worte Eindruck geschunden haben? Er
witterte er eine Falle, aber er wollte die Situation nutzen. Das
Breitschwert lag nur wenige Zoll von seiner Stiefelspitze entfernt.
Langsam bückte sich der Sachse. Da zuckte der Arm des Wiedergängers
hervor und schleuderte eine Phiole von sich. Das Glas zersprang und eine
Wolke aus Purpurstaub hüllte den Sachsen ein. Er wankte, Schwindel
überwältigte seine Sinne, der Dolch entglitt ihm. Durch die Staubwolke
schob sich eine Gestalt auf ihn zu. Sie stank wie Aas in der Sonne.
Die Klauen des Widergängers fanden Grimnirs Kehle. Der Söldner
versuchte, die Umklammerung zu öffnen. Er zwängte die Daumen zwischen
seinen Hals und die Klauen, bog einige Leichenfinger zurück und brach
sie mit einem Knacken ab. Vergebens. Immer enger presste ihm der
Würgegriff die Luftröhre zusammen.
Die Kämpfenden wanden sich in einem mörderischen Tanz. Vor den Augen des
Sachsen platzen Sterne. Seine Lungen brannten, lechzten nach Luft, doch
der Tote ließ nicht locker. Die Totenfratze verschwamm vor seinem
Gesicht, das Bild zerfaserte an den Rändern, machte der Schwärze der
Ohnmacht platz. Grimnir schlug um sich, doch seine Fäuste trafen ins
Leere. Blut rauschte in seinen Ohren wie die Brandung an einer Küste.
Unvermittelt lockerte sich der Würgegriff um seine Kehle. Luft strömte
in seine Lungen, er hustete, blickte sich um. Der Umhang der Kreatur
brannte. Flammen züngelten vom Saum bis zur Kapuze. Voller Hektik schlug
die Mumie hinter sich, versuchte die Flammen mit den Knochenhänden zu
ersticken. Am Schlachtblock gelehnt stand Marada mit einer Fackel in der
Hand. Als sie gesehen hatte, dass Grimnir den ungleichen Kampf zu
verlieren drohte, war sie zur Fackel an der Wand gelaufen, hatte sie aus
der Halterung gelöst und mit dem Scheit auf den Buckel der Bestie
eingeprügelt. Allen Mut, Kraft und Abscheu hatte sie in ihre Attacke
gelegt.
Der Untote sprang herum wie ein Derwisch. Die Flammen fraßen sich durch
das verdorrte Gewebe. Er fiel auf die Knie und rollte im Dreck herum, um
das Feuer zu löschen. Grimnir hob das Breitschwert auf, wog den Stahl
abschätzend in der Hand und ließ ihn in den Nacken des Wiedergängers
niedersausen. Die Klinge sang in der Luft. Im letzten Moment drehte sich
der Leichnahm um und hob die Arme, um den Angriff zu parieren. Aber die
Flammen nahmen der Abwehr jede Kraft. Das Schwert hackte durch die
Unterarme des Toten und verbiss sich in dessen Stirn. Eine leichte
Drehung der Waffe genügte Grimnir, um den morschen Schädel wie eine Nuss
zu knacken.
Die Hälften des Kopfes kullerten über die Fliesen, und ein Ruck ging
durch die Kreatur, die inzwischen lichterloh brannte. Grimnir wich einen
Schritt vor dem Qualm zurück, der wie ein Pesthauch von dem Körper
ausging. Durch das Knistern der Flammen hörte Grimnir ein Knirschen, als
würde Glas zwischen Steinen zerrieben. Auch Marada hörte das Geräusch.
Es rührte vom Spiegel her. Risse zackten wie Blitze über seine
Oberfläche, Sprünge spiegelten das Bild des entflammten Leichnams in
tausend Facetten. Im nächsten Augenblick erblindete das Spiegelbild. Der
Rahmen füllte sich mit Schwärze. Aus der Tiefe hinter dem Glas schälte
sich eine Gestalt, ein Mann hervor. Marada erkannte ihn sofort. Dort
stand der Greis aus ihrem Traum.
V
In der Fratze des Uralten schwelte Hass. Er öffnete die Lippen und
brüllte ihnen Flüche entgegen, die sie auf der anderen Seite des
Spiegels nicht hören konnten. Der Greis spie und tobte und stampfte mit
dem Fuß auf. Ein erneutes Knirschen lies ihn innehalten. So dick wie ein
Finger kroch ein Sprung von unten nach oben durch das Spiegelglas. Der
Zorn des Alten wich blankem Hohn. Er legte die Hände links und recht vom
Spalt gegen das Glas und versuchte, den Riss weiter zu öffnen. Langsam
splitternd wanderte die Furche zwischen seinen Händflächen hindurch auf
das Kopfstück des Rahmens zu. Der Greis legte das Haupt in den Nacken
und verfolge lächelnd ihren Weg. Als die Rille mit einem Klicken die
Oberfläche vollends teilte, riss der Alte jubelnd die Arme empor und
schüttelte sich vor Lachen. Unter ungeheurem Krach zerbarst der Spiegel.
Seine Scherben prasselten wie Hagelkörner durch den Raum. Grimnir zog
Marada in die Deckung des Schlachtblocks.
Als der Kristallregen sich legte, kroch ein grauer grauer, dichter Nebel
aus dem leeren Rahmen des Spiegels. Er schlängelte sich wie eine Echse
über die Fliesen und streckte seine Fühler aus. Dunstschwaden tasteten
sich um den Schlachtblock herum und kreisten ihre Opfer ein. Marada
presste ihre Seite eng an den Sachsen, als sich die Schwaden bei ihren
Füßen zu einer Nebelsäule vereinigten. Die Säule bog sich zurück wie
eine Klapperschlange vor dem Biss. Dann erklang mit brüchiger Stimme das
hämische Gelächter des Greises.
Grimnir griff zu seinem Dolch, fühlte ein Pulsieren an seiner Hüfte und
schaute an sich herunter. Sein Geldbeutel, der das Amulett enthielt,
zuckte wie von einer unhörbaren Melodie bewegt. Mit einem Mal wusste er,
wie der Spuk zu beenden war. Hastig nestelte er an den Stricken, die das
Säckel banden und schüttelte dessen Inhalt auf das Mamor. Das Amulett
glühte wie erhitzes Metall.
Sofort verstummte das Lachen und wich einem Wutgebrüll. Der Nebel stob
auseinander und wich vor dem Amulett zurück. Grimnir hob das
Schmuckstück auf und hielt es dem Dunst entgegen. Der Nebel fiel in sich
zurück, ballte sich zu einer Kugel zusammen und schoss zur Tür ins Freie
hinaus.
Kurz darauf gellten Schreie von der Lichtung in das Mauerwerk der Ruine.
Pferde wieherten schrill. Hastig gebellte Kommandos erstarben in einem
Gurgeln. Eine Stimme brauste laut wie ein Sturm. Im selben Augenblick
zersprang der Schlachtblock wie von Schmiedehämmern getroffen. Die
Fliesen des Boden brachen unter Grollen auseinander, die Wände
schwankten, polternd und dröhnend sauste das Dachgebälk Grimnir und
Marada entgegen.
Der Sachse nahm das Mädchen bei der Hand. Ohne sich umzusehen rannten
sie aus der Ruine in die Nacht, während es hinter ihnen donnerte und
rumpelte. Erst am Ende der Grasfläche stoppten sie ihren Lauf und sahen
sich um. Kein Stein ragte mehr von dem Gemäuer in den Nachthimmel empor,
kein Balken lag im Unterholz. Wo eben noch kalter Marmor seine Schatten
gegen die Sterne warf, lag nun bemoster Waldboden. Das Erdreich hatte
den Bau des Dämons verschlungen. Die Hölle hatte zurückgefordert, was
ihr gehörte.
Grimnir schüttelte sich. Noch immer pochte sein Hals unter Schmerzen,
noch immer fühlte er die klamme Kälte der Leichenfinger an der Kehle. Er
wischte den Schweiß aus dem Gesicht und sah zum Himmel hinauf. Auf den
Wipfeln der Bäume glühten die ersten Strahlen der Morgensonne und
tauchten die Lichtung in ein rötliches Gold. Das Grauen hatte die
Grundfesten seiner wilden Seele erschüttert, aber nicht zerstört. Er kam
aus einem Land, in dem der Glauben an Geister und Ungeheuer fest in den
Gemütern der Menschen verwurzelt war. Das Volk jenseits des weißen
Flusses, des Elba, fürchteten zwar das Unheimliche, wussten es jedoch
als Teil der Natur. Und was teil der Natur war, konnte ein Mann
bekämpfen und bezwingen, wenn es sich gegen ihn stellte.
Für Marada hingegen, die nie etwas anderes als die prunkvollen Städte
der Franken gesehen hatte, zerbrach die Wirklichkeit wie ein morscher
Stützpfeiler. Als Kind der Zivilisation strebte ihr Verstand danach, das
Erlebte zu verdrängen und das Unerklärliche durch Logik aufzulösen. Sie
kauerte neben Grimnir im Gras. "Vielleicht haben wir das alles nur
geträumt", sagte sie.
"Dann bilden wir uns dies auch nur ein", brummte er und hielt ihr das
Amulett vor die Nase.
Marada erschrak. Die Bilder ihres Traumes holten sie ein. "Woher hast du
den Schmuck?"
"Ich habe ihn in der Ruine gefunden. Und mein Gefühl sagt mir, dass er
nicht unschuldig an der Hexerei war, obwohl er uns geholfen hat."
Angewidert schob der Sachse das Amulett hinter seinen Ledergürtel und
blickte zu Marada. "Du wirst dir auf dem Waldboden die Gicht holen",
sagte er, langte nach unten und hievte das Mädchen an der Hüfte auf die
Füße. "Und ich will nicht, dass Yaladir sein Mädchen schief und krumm
von mir zurückbekommt."
"Du lässt mich frei?" seufzte Marada. "Warum? Und was ist mit meinem
Gatten und deinem Auftrag?"
"Ich stehe bei dir in einer größeren Schuld als bei deinem Mann."
"Die Soldaten meines Geliebten werden sich nicht besänftigen lassen.
Immerhin hast Du einen der ihren getötet. Sie werden dich für den Mord
zu Rechenschaft ziehen."
"Yaladirs Jäger sind fort. In der Nacht haben sie die Lichtung trotz
ihrer Angst betreten, um zu kämpfen oder zu sterben wie Männer. Möge
Odin ihnen Ehre erweisen." Der Sachse trat beiseite und gestattete
Marada einen Blick auf den nördlichen Teil der Schneise. Im Gras
verstreut lagen die Knochen von Pferden und Männern. Blank und weiß, wie
von der Sonne gebleicht.
"Der Unhold zerrte ihnen voller Zorn das Fleisch von den Knochen. Bevor
er selbst mitsamt seines Gemäuers unterging. Lass mich schauen, ob die
Toten uns noch etwas Proviant in ihren Taschen gönnen, und dann ziehen
wir westwärts, Yaladirs Burg entgegen, weg von diesem Ort."


