Schafe
Eine seltsame Formation bewegte sich durch die Gänge des Supermarktes.
Die drei Damen steuerten mit ihrem vollen Einkaufswagen auf die Kasse
zu. Obwohl sie alle etwas betagt waren, wirkten sie in ihrem Lachen
und Scherzen eher wie drei Teenager, die ihren Nachmittag beim Shoppen
verbrachten. Dennoch sah man ihnen an, dass die langen Jahre als
Hausfrauen in dieser sparsamen Umgebung der Felder und Weiden, der
Schaf- und Rinderzucht sie zu Wirtschafterinnen gemacht hatten, die
auch harte Zeiten durchstehen mussten. Heute führten sie ein gutes,
leichtes Leben. Nach dem Tod ihrer Männer hatten Emelie und Vroni ihre
Häuser verkauft, waren gemeinsam in einen kleinen Bauernhof gezogen
und hatten sich eine kleine Schafherde angeschafft. In diesen modernen
Zeiten waren sie die Einzigen, die sich noch Schafe hielten. Doch so
konnten sie ihrer gewohnten Arbeit nachgehen und genossen ihren
Lebensabend. Als Rosa ihren Mann unter die Erde gebracht hatte, war
auch sie zu ihnen gezogen. Für die Schafe hatte sie nichts übrig, aber
mit den beiden anderen zu wohnen war besser, als alleine zu sein.
Diese stinkenden Viecher musste sie eben dulden.
Die energische Energie, welche die ganze Formation prägte, ging einzig
und allein von der Jüngsten und Frischesten unter ihnen aus. Rosa
mochte etwa Mitte sechzig sein, war jedoch jugendlich praktisch
gekleidet. Keine altmodischen Zierrate störten die gerade Linie von
dunkelbrauner Hose, dunkelbraunen Winterstiefeln und beiger Jacke. Sie
fungierte unter den dreien als Anführerin und schob den Einkaufswagen.
Die beiden anderen folgten ihr.
Emelie, die Älteste, tat dies mit sichtbarem Automatismus, denn so
ganz rege arbeitete ihr Verstand nicht mehr. Ihre Art der Fortbewegung
erinnerte eher an ein Kleinkind, das sich die Welt besieht und dabei
wie selbstverständlich der Mutter folgt. Ebenso holprig waren ihre
Schritte. Die Auswahl ihrer Kleidung zeugte davon, dass
Friedhofsbesuche seit langer Zeit zu ihrer täglichen Routine geworden
waren. Vroni, die altersmäßig zwischen den beiden lag, war die
Unscheinbarste unter ihnen.
„Du brauchst keine Blumen“, rügte Rosa energisch, als Emelie gerade
nach einem Bund gelber Rosen greifen wollte. Die alte Dame zuckte
zurück, so, als wäre sie bei etwas Verbotenem ertappt worden. „Nun
lass sie doch“, versuchte die Mittlere zu beschwichtigen. „Du weißt
doch, dass sie heute noch auf den Friedhof geht.“ Rosa ignorierte
diesen Einwand. „Wir haben Winter, morgen sind die hin.“ Ihre Stimme
sollte erklärend klingen, aber in ihren Augen funkelte die
Boshaftigkeit. Sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die volle
Verantwortung für die beiden zu tragen und duldete keinen Widerspruch.
Emelie ließ von den Rosen ab und knurrte leise. Dann griff sie
zielstrebig nach einem Bund geschlossener Tulpen und drückte sie
trotzig an ihren Brustkorb. „Sollen die für Dich sein?“, setze Rosa
an, ohne sie auch nur aus den Augenwinkeln anzusehen. Emelie nickte
energisch. „Nun, bei Dir sieht es ohnehin schon aus, wie im
Leichenhaus. Überall Blumen und dann überall diese Lichter.
Grauenhaft. Wie im Leichenhaus.“ Bei dem Wort Leichenhaus zuckte
Emelie zusammen. Sie hatte sich darauf vorbereitet, diesen Kampf zu
gewinnen, nun sackte sie in sich zusammen. „Vroni, nun sieh mich doch
nicht so an“, wendete sich Emelie an die Unscheinbare. „Das kann man
doch sagen, wenn es stimmt. Dass es bei ihr aussieht, wie im
Leichenhaus. Da ist doch nichts dabei, wenn man das sagt. Wenn es
stimmt.“ Emelie legte die Blumen zurück. Rosa verstaute die
berechneten Waren in Taschen und bezahlte aus drei verschiedenen
Geldbeuteln. Dann verließen die drei den Laden.
Als Hubert der Kassierer nach Feierabend zu seinem Fahrrad ging, zwang
er sich zur Ruhe. Er schwang sich, wie jeden Tag, auf sein Rad und
radelte in Richtung der brachliegenden Weiden davon. Dort stand sein
kleines Häuschen, das er nach dem Tod seiner Mutter geerbt hatte.
Seinen Vater hatte er nie kennen gelernt, so dass er nun seit fast
drei Jahren allein dort lebte. Nur er und seine zwei Schafe. Er liebte
seine Schafe, diese stillen, sanften Wesen. Eine Frau hatte es in
Huberts unscheinbarem Leben nie gegeben. Sie machten ihm Angst, diese
bigotten Drachen, diese Furien. Vor ihnen war man nicht sicher. Jedes
Geheimnis spürten sie auf. Dann sprachen sie ihr Urteil und verhängten
die Strafe. Nun, endlich, sah er eine Möglichkeit, es ihnen
heimzuzahlen.
Er radelte an seinem Häuschen, auf das die winterliche Abendsonne
leuchtete, vorbei und bog dahinter ab. Sein Weg führte zu Bauer
Frederik ins Nachbardorf, bei dem er das Futter für seine Schafe
kaufte. In der Gleichmäßigkeit seiner Tretbewegung stiegen Bilder in
ihm auf. Wieder sah er seine Mutter drohend über sich gebeugt, als er
im Bett lag. Erinnerte sich daran, dass sie ihm die Bettdecke entriss.
Schon lange vermutete sie die Sünde in ihrem Haus. „Diese Schande,
diese Schande“, schrie sie in ihrer Entrüstung. Geheuchelte Tränen
liefen über ihre Wange, ihre Klagegebete begleiteten ihn die ganze
Nacht. Am nächsten Tag wurde er nach der Schule zum Pfarrer zitiert,
der ihm für diese Sünde 25 Hiebe mit dem Lineal verpasste. Ihre
Argusaugen wurde er nie mehr los, ihr Misstrauen schürte seinen Hass.
Selbst nach dem Tod der Mutter meinte er ihre wachsamen Augen überall
im Haus zu spüren. Still lebte er weiter. Jeden Tag besuchte er seine
Mutter am Grab und nur er wusste, dass er sie in diesen Minuten
täglich aufs Neue verfluchte.
Nur zu einer Frau fasste er Zutrauen. Zu Emelie. Ihre hilflose Art,
ihr Alter und ihre Liebe zu den Blumen machten sie zu seiner einzigen
Freundin. Auch wenn er am Friedhof nie ein Wort an sie richtete, so
sah er sie täglich, ohne dass sie ihn wahrnahm. Vor ihr fürchtete er
sich nicht und bald musste auch Emelie sich nicht mehr fürchten.
Dieser Gedanke beflügelte ihn. Fast fröhlich kam er bei Bauer Frederik
an.
„Na,“ begrüßte ihn dieser „ist es mal wieder soweit?“ Frederik
schaffte Mais, Gerste, Weizen und Melasse heran und nahm ein paar Euro
dafür entgegen. `Der arme Tropf´, dachte der Bauer. Ihm tat der junge
Mann, mit seinem V-Ausschnitt und seinen Unterziehhemden leid.
Zu Hause angekommen machte sich Hubert ans Werk. Er mahlte das
Getreide, den Mais und die Melasse, gab ein wenig Wasser hinzu und
formte Pellets daraus. Als der Morgen hereinbrach machte er sich mit
dem Schafsfutter, einer Flasche Ahornsirup und ein paar Kabelbindern
auf den Weg zu dem Hof am Weideweg. Bald würden Emelie und Vroni wie
jeden Morgen den Friedhof aufsuchen. Während Emelie die Gräber pflegte
würde Vroni eine Runde um den Friedhof spazieren. Er hatte drei
Stunden Zeit. Das genügte.
Als die beiden Damen das Haus verließen, schlich er sich leise hinein.
Schnell hatte er Rosas Zimmer gefunden. Sie war gerade aufgestanden
und wusch sich an dem Waschbecken in ihrem Zimmer. Als sie ihn im
Spiegel hinter sich erblickte merkte man ihr keinen Schrecken an.
„Vielleicht solltest Du Dich besser an Deine Heftchen halten, eine
echte Frau ist nichts für Dich,“ meinte sie kühl.
Schnell packte er sie an den Armen, zerrte sie auf einen Stuhl und
band sie mit den Kabelbindern daran fest. Er lächelte und begann sie
mit Ahornsirup einzustreichen. Dann, als ihr Körper schön klebrig war,
streute er ausgiebig die Pellets über sie. In ihrem Blick stellte sich
Angst ein, der Wahnsinn in seinen Augen hatte sie schweigsam gemacht.
Er ging aus der Tür und trieb die Schafe von der kleinen Koppel ins
Haus und weiter in Rosas Zimmer. Fast sofort entdeckten die Tiere
diese vorzügliche Futterquelle und stürzten sich auf den Leckerbissen.
Rosa kreischte auf, der Kitzel war kaum auszuhalten. Sie schrie,
quiekte und lachte. Hubert hatte sich auf einem anderen Stuhl
gemütlich gemacht und sah dem bunten Treiben zu. „Ja, das gefällt Dir,
nicht wahr.“ Ab und an stand er auf, und legte ein paar Pellets nach.
Als Rosas Gesicht blaue Farbe angenommen hatte, er sie nicht mehr
lachen hörte und ihr Körper nicht mehr zappelte beugte er sich über
sie. Sie atmete nur noch sehr schwach. Er kitzelte noch ein paar Mal
nach, dann hörte auch das Atmen auf. Hastig zückte er den Waschlappen,
wusch den Leichnam ab, zerschnitt mit seinem Taschenmesser die
Fesseln. Dann hob er Rosas Körper ins Bett und deckte sie zu. Bevor er
zufrieden das Haus verließ warf er noch einen schnellen Blick in ihr
Gesicht. Die Lachfratze hatte sich etwas entspannt. Wie immer war er
pünktlich im Supermarkt.
Als Emelie und Vroni nach Hause zurück kehrten, fiel ihnen zunächst
auf, dass kein Kaffeeduft durch das Haus strömte. Schließlich fanden
sie Rosa in ihrem Bett. „Oh je, Emelie, sie ist von uns gegangen. Wer
hätte das vermutet?“ Eine Träne rann über Vronis Gesicht. Schweigend
ging Emelie in ihr Zimmer und holte einen Bund Astern. Liebevoll nahm
sie Rosas Hände, faltete sie auf dem Brustkorb zusammen. „Aber sie ist
mit einem Lächeln im Gesicht gestorben“, meinte sie, als die Blumen
unter Rosas Hände legte.
©Christine Findeisen


