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Meine Zeit mit J.

Oft denke ich an J. zurück. An ihn und an das, was wir waren. Ich denke an das, was nie mehr sein kann. Denke, dass ich vor mir versagt habe, unwiederbringlich. Dass mein jugendliches, drängendes und abschmetterndes Verständnis vom Leben und von der Liebe vor seiner Größe kapituliert hat. Unwiederbringlich. Oft denke ich daran, wie groß die Liebe war, die ich verloren habe, weil ich sie nicht nehmen wollte. Oder auch konnte. Ich werde es nie mehr erfahren. Werde nie erfahren, ob ich mir die richtigen Fragen stelle, ob mein Zögern nicht ein Schutz war, weil ich etwas in ihm spürte, das meinen Untergang bedeuten konnte. Etwas Dunkles, etwas tief Zerstörerisches.

Wir lernten uns im Zug kennen. Manchmal geht das Leben seltsame Wege. Ich war auf dem Rückweg von Z. nach München, hatte dort meinen Liebsten besucht. Alle vier Wochen unternahm ich diese Fahrt. Alle vier Wochen kam er nach München. So ergab sich ein fester, zweiwöchiger Rhythmus, in dem es keine Fragen gab. Getragen von einer Verliebtheit, die alles in den Himmel hebt, aber, zumindest im Nachhinein, nichts tragen konnte. Die Ferne und die Freude des Wiedersehens bestimmten, was wir als gemeinsam empfanden. Eine Gemeinsamkeit, die aus räumlicher Trennung bestand.
Ich genoss diese Zugfahrten sehr. Fünf Stunden Abgeschiedenheit von der Welt, die Kopfhörer im Ohr, ein Buch in der Hand, das oft nur aufgeschlagen vor mir lag. Als Alibi sozusagen. Meine Aufmerksamkeit galt dem ruhigen Ruckeln des Zuges, das einen freisetzt, einen aus der Welt nimmt, eine unendliche Ruhe vermitteln kann und den Gedanken ungestörte Freiheit erlaubt. Sie galt dem Beobachten der Menschen, die um mich waren. Ich sah in ihre Gesichter, betrachtete ihre Mimik und ließ sie einfach auf mich wirken. Keine Bewertungen, nur Eindrücke.
J. stieg in S. zu, seiner Heimatstadt, wie ich bald erfahren sollte. Als er an meinem Abteil vorbeilief, sich mit allen andern Zusteigern durch die engen Gänge des Zuges quetschte, fiel er mir auf. Er hob sich ab. Seine Ausstrahlung passte nicht zu dem bunten Allerlei der Gesichter. Er war kein Mensch, der sich in ein Allerlei fügen konnte. Als ich ihn zum ersten Mal sah, sah ich nur von hinten. Er hatte hellbraune Locken, war groß, schlank und er wirkte wie ein Mensch, der eigentlich in diesem Zug, neben all den Berufspendlern und heim- oder zurückfahrenden Bundeswehrlern, nichts zu suchen hatte. Er passte nicht hierher, passte nicht in diese Umgebung. Und, vielleicht, passte er nicht in dieses Leben.
Unsere Geschichte begann als der Zug im Münchner Sackbahnhof hielt. Alle drängelten nach draußen. Zogen und schoben Koffer und Taschen in Richtung zur nächsten Tür. Ich selbst stand an der Schiebevorrichtung, die mein Abteil abgrenzte und wartete auf eine günstige Gelegenheit mich in die Reihe zu drängeln. Was mir auch fast gelungen wäre, hätte mich ein unhöflicher Zeitgenosse mit seinem Koffer nicht in das Abteil zurückgeschubst. Diesem Rüpel verdanke ich es, J. kennen gelernt zu haben.
Der erste Satz, den J. zu mir sagte, war: „Geh ruhig vor, geh vor mir, sonst schaust mich auch noch so bös an.“ Und dieser Satz entlockte mir ein Lachen und ich höre ihn noch heute, auch wenn ich seine Stimme bereits vergessen habe. Er blockierte mit seinem Körper den Durchgang und ich trat vor ihn hin. Er ließ mir den Vortritt, das tat er auch später immer. Er lud mich ein, mich zu entscheiden und nahm das Ergebnis hin. Ein bißchen beobachtet kam ich mir vor. So viel Aufmerksamkeit war ich nicht gewohnt. Und am allerwenigsten Aufmerksamkeit brachte ich mir selbst entgegen. Doch mein eigenes, kleines Ego musste ständig damit gefüttert werden. Hätte er meinen Ausdruck im Gesicht nicht kommentiert, hätte er mich nicht gesehen, meine Reaktion gelesen, wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass ich in dem Augenblick des Zurückgeschubstwerdens überhaupt reagiert hatte. Er sah es, so wie er viele Dinge an mir sah. Bis heute weiß ich nicht, was er an mir wahrnahm und was ihn so sehr fasziniert hat.
Wir beide waren uns schnell einig. Wir verstanden uns. Und am Ende des Bahnsteigs angelangt, hatten wir bereits die Telefonnummern ausgetauscht. Wir gingen auseinander und wussten beide, dass wir uns sehr bald hören würden. Am nächsten Tag war es soweit, ich rief ihn an. Mich drängte es danach, ihn bald wieder zu sehen. Es drängte mich, diesen Menschen kennenzulernen.
Ein paar Tage später trafen wir uns. Heute weiß ich nicht mehr, was wir unternommen haben, ob wir in einer Kneipe saßen oder an der Isar. Auch könnte ich nicht mehr sagen, wie oft wir uns sahen. Weiß nur noch, dass wir jeden Tag miteinander sprachen. Diese Bilder, sie sind alle verschwunden. Sie waren auch nicht wichtig. Wir lernten uns kennen, das zählte. Und das blieb, bis heute.
Kurz nach unserem Kennenlernen beendete er eine Beziehung. Sie hatte nicht getragen und in meiner Blindheit kam ich nicht auf die Idee, dass ich der Grund sein könnte für diese Trennung. Aber so war J.. Er wusste, dass ich auch einen Freund hatte und trennte sich auf Risiko.
Die einzige Nacht, die wir miteinander hatten und die auch nur eine angebrochene Nacht war, hatten wir, weil ich trotzig war. Mein Freund hatte mich am Abend zuvor nicht angerufen, er hatte mich versetzt. Ich fuhr zu J., weil ich nicht wollte, dass mein Freund mich am nächsten Abend hätte erreichen können. J. war meine Anlaufstelle für mein divenhaftes Selbstbild. Und er bestätigte es, gab mir das Gefühl, die Einzige zu sein. Das war ich wohl auch.
An diesem Abend redeten wir lange und viel. Er zeigte mir ein paar dunkle Seiten an sich, Seiten der Trauer, Seiten der Mutlosigkeit, des Zweifels und der Verzweiflung. Ich nahm es auf und hörte zwischendurch immer wieder meinen Anrufbeantworter mittels Fernabfrage ab. Wissen wollte ich, ob meine Rache schon wirkte. Ob der, dem ich eins auswischen wollte, sich seinen Schlag schon abgeholt hatte. Nach dem Essen, nach vielem Lachen, nach dem ernsten Teil des Abends und nachdem sich die körperliche Anziehung zwischen J. und mir auf ein sehr hohes Niveau geschaukelt hatte und die Luft um uns fast hörbar knistere, holte sich mein Freund seine Strafe ab. Er hatte mir auf Band gesprochen. Fragte sich, wo ich bin. Ich war nicht da, war begehrt und aufgewühlt. Und brachte es nicht fertig, bei J. zu bleiben. Gegen vier Uhr morgens setzte er mich in ein Taxi. Ich wollte gehen. Wollte nicht diese beiden Männer so gegeneinander ausspielen.
Am nächsten Tag verlangte J. eine Entscheidung von mir. Er oder mein Freund. Nun sollte ich etwas entscheiden, was ich nicht entscheiden konnte, weil mir der Mut fehlte, mich an einen Menschen zu binden, den ich so gut kannte. Diese Tiefe des Gefühls, dieses Vertrauen, das wir in den wenigen Monaten aufgebaut hatten, die Offenheit zwischen uns und das unbedingte Einstehen füreinander machten mir Angst. Meine Entscheidung fiel auf die Welt, die ich kannte und in der ich aufgewachsen war. Eine Welt des Gegeneinanders, eine Welt, in der es keine innere Verbundenheit gab, in der der äußere Rahmen die Bestimmung war, eine Welt, in der außer Alltag nichts Platz hatte. Hinterfragt habe ich das damals nicht. Bestimmend war das Gefühl, dass J.s und meine Welt mir Angst machte, weil ich sie nicht handhaben konnte, weil mir die Werkzeuge fehlten, eine vage Ahnung, dass ich weit über mich hinauswachsen müsste, um hier leben zu können. Die Entscheidung für meinen Freund war eine Entscheidung aus Mangel an Mut und Risikofreude. Sie erschien mir weder richtig noch falsch. Gefolgt war ich einfach dem ersten Impuls.
J. teilte mir mit, dass er Zeit brauche, wollten wir uns weiterhin treffen. Er könne nicht so weitermachen. Mich machte das zornig. Er nahm mir etwas weg, was mir doch die ganze Zeit zugestanden war. Nicht den Hauch einer Mühe machte ich mir, zu verstehen, was in ihm vorging. Nicht den Hauch einer Ahnung hatte ich, wovon er eigentlich sprach. Ein Freund oder eine Freundin zu haben war ein Statussymbol, mit Gefühlen hatte das wenig zu tun. Man hatte sie, weil es einen definierte, weil es den Stolz schürte.
J. versuchte, sein Leben wieder aufzugreifen. Er suchte sich eine Freundin. Sie war ein nettes Mädel, sie passte zu ihm, sie konnte mit ihm umgehen. Seine Sorgen, Ängste, seine Probleme kamen anders bei ihr an, als sie das bei mir taten. Sie hatte keine Angst. Ich lernte sie kennen, als ich unangemeldet bei ihm vorbeikam. Sie saß da und hatte einfach keine Chance. Allen Raum, der zur Verfügung stand, schnappte ich mir. Wollte ihn erneut erobern, wollte das Gefühl wieder haben, die Erste zu sein, die Beste, die Schönste, wollte schillern und glitzern. Wollte die Macht wieder genießen, einen Mann in den Abgrund treiben zu können. An diesem Abend zog ich alle Register. Es muss dieses Mädchen sehr verletzt haben. Sie liebte ihn, das sah man ihr an, das sah ich. Und mein Ziel war es, ihrer Liebe einen Tritt zu versetzen. Mich wieder ganz nach vorne zu drängeln. Es gelang mir. Aber er blieb loyal. Es ist müßig zu erwähnen, dass ich, mal wieder meinem Freund eins auswischen wollte. Wir hatten eine kleine Reiberei gehabt.
Die beiden Männer lernten sich in meiner Wohnung kennen. Sie trafen sich, weil mein Freund mir eine Freude machen wollte und einen Tag früher kam. J. saß auf meinem Sofa, mein Hund lag zu seinen Füßen. Als mein Freund in den Raum trat, verabschiedete er sich schnell und dezent. Er wusste, wann es besser war zu gehen.
Mein Freund spürte, dass hier etwas nicht stimmte. Er glaubte mir nicht, als ich sagte: „Nichts, was soll zwischen uns sein. Wir sind Freunde.“ Als wir ein gutes Jahr später unsere Beziehung aufgaben, las er heimlich meine Tagebücher durch, um einen Hinweis darauf zu finden, was wirklich zwischen J. und mir war. Keine einzige Zeile konnte er finden, mein Misstrauen gegen ihn hatte die Worte bereits beim niederschreiben zensiert. Nur mir sagten unbedeutend scheinende Schlagwörter, wo J. und ich uns befanden. An diesem Abend, bevor mein Liebster ankam, schenkte ich J. einen kleinen Jadestein. Ein Symbol für ewige Freundschaft und Verbundenheit.
Ein paar Mal trafen J. und ich uns noch. Einmal hatten wir die Räder genommen, waren ein bisschen durch die Stadt gefahren, hatten irgendwo ein Eis gegessen, viel gelacht und uns verstanden. Es war wie immer. Er verzehrte sich noch immer nach mir, ließ sich von mir in den Abgrund reißen. Als wir uns verabschiedeten, stieg er auf sein Rad und fuhr davon. Zum ersten Mal sah ich seine Wut. Seine Wut auf mich, seine Enttäuschung über mein Verhalten, sein Unverständnis darüber, dass der andere da sein durfte, der andere, der mich nicht besser kannte als er, der mich betrogen hatte, der nicht präsent war, der nichts für mich tat außer seine Rolle als Partner zu beanspruchen und ihm den Raum zu nehmen, den er so gern gehabt hätte. Mein Erschrecken über das Draufgängerische seiner Fahrweise war wohl die allererste Reaktion, die ich ehrlich gespürt habe. Zum ersten Mal hatte ich einen klaren Eindruck davon, wie viele Abgründe in einem Menschen stecken konnten. Noch heute höre ich mich denken `Mein Gott, J., Du fährst Dich ja um Kopf und Kragen´.
In den nächsten Monaten wurde unser Kontakt sporadischer. Verstanden hatte ich, dass er den Abstand brauchte. Das hinderte mich jedoch nicht daran, ihn zu bitten für mich einen Gelegenheitsjob in der Filmhochschule zu übernehmen. So gerne wollte ich nach Z. fahren und er hätte doch bestimmt Freude daran, mal am Filmset mitzuarbeiten. Meine Gewissensbisse, ihn derart für meine Zwecke einzuspannen, verdrängte ich. Den ersten Drehtag verbrachten wir zusammen und hatten großen Spaß daran, über die Spiegelung der Scheiben den Blick zueinander zu suchen. Über diese dunklen Scheiben entfachten wir unsere Leidenschaft füreinander. Er übernahm für mich den zweiten Drehtag. Ich fuhr zu meinem Freund.
Wann genau J. in den nächsten Monaten gestorben ist, weiß ich nicht. Er verunglückte tödlich, als er seinen Übergangsjob als Fahrradkurier ausführte. Er starb in der Straße, in der ich ein gutes halbes Jahr später meinen Roller einfuhr, als ich ihn vom Händler holte. Mein Freund und ich hatten unsere Wochenendbeziehung aufgegeben und waren zusammengezogen.
Als ich von seinem Tod erfuhr, waren mein Freund und ich beinahe schon getrennt. Ich suchte J., wollte ihn wieder sehen. Er fehlte mir und ich vermisste ihn. Ob ich mich nun auf eine Beziehung eingelassen hätte, kann ich nicht sagen. Zu tief saß das Bild der Wut, das mir noch mehr Angst machte. Es hatte eine Ahnung in mir hervorgerufen. Die Ahnung einer unglaublich zerstörerischen Kraft, von der ich nicht wusste, in welche Richtung sie sich wenden konnte. Aber wiederfinden wollte ich ihn.
Kein Anschluss unter dieser Nummer tönte aus dem Telefonhörer. Per Telefonauskunft fand ich seine Familie in S., um dort seine neue Nummer zu erfragen, falls er umgezogen sein sollte. Am Apparat hatte ich einen Mann. Auf meine Frage, ob er J. kenne, entgegnete er mir: „Ja, das war mein Sohn.“
Sein Tod löste in mir einen tiefen Schock aus. Ich hatte nicht damit gerechnet. J. war fester Bestandteil meines Lebens geworden, ob wir uns nun trafen oder nicht. Das Wort Fassungslosigkeit bekam zum ersten Mal in meinem Leben eine Bedeutung. Tage später begann sich langsam eine tiefe Trauer in mir breit zu machen. Zu seinem Grab wollte ich, wollte sehen, wo er jetzt war. Seine Nähe spüren. Ich vermisste ihn. Zu seinem Grab habe ich nicht gefunden.
Noch heute wünsche ich mir, ich könnte ihn anrufen und mit ihm reden. Trauer und Schmerz halten an, auch wenn sie sich über die Zeit verändert haben. Dazu kommt der Schmerz des Vergessens. Zuerst vergaß ich seinen Geruch, dann entglitt meiner Erinnerung, wie sein Körper sich anfühlte. Danach begannen die Lachfältchen um seine Augen in meiner Erinnerung zu verblassen und seine Stimme zu verhallen. Das alles schwindet mehr und mehr. In meinen Gedanken fließt er mir unter den Händen weg und ich kann ihn nicht halten. Wie gerne hätte ich mich wenigstens verabschiedet.
Meine Fragen kann ich nicht mehr stellen. Er ist gegangen, bevor ich entscheiden konnte, was er mir sein sollte. So plötzlich, wie er in mein Leben getreten war, war er gegangen. Nichts ist geblieben und dennoch bin ich nicht mehr die Gleiche.
 
©Christine Findeisen


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