7-Meilen-Stiefel
Eselsohren
Ahnentafel
Silbersee

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier also der Versuch, auf ein paar wenige Aspekte des Buches von Khaled Hosseini, der Drachenläufer, einzugehen.

 

 

Der Autor beginnt die Geschichte mit dem Satz: "An einem eiskalte, bedeckten Wintertag des Jahres 1975 wurde ich - im Alter von zwölf Jahren - zu dem, der ich heute bin."

Was meint der Ich-Erzähler damit? Nun, gemeint ist damit der Tag, an dem er seinen Freund aus Feigheit verraten hat und ihn, aufgrund der Ereignisse in der Gasse, von sich schiebt. Aber stimmt denn diese Aussage? Sie stimmt meiner Meinung nach insofern, dass an diesem Tag eine Eigenschaft des Ich-Erzählers für ihn sehr deutlich sichtbar wird. Er erkennt selbst an diesem Tag, dass sein Mut kleiner ist als seine Loyalität, er erkennt, dass seine Freundschaft zu Hassan ihm nicht so viel bedeutet, dass er über sich hinauswachsen könnte und würde, er erkennt, dass er um der Anerkennung willen, seinen besten Freund verrät.

Andererseits fallen mir zwei Dinge auf: Zum einen hat Amir viele Gelegenheiten genutzt, um Hassan kleinen Quälereien auszusetzen und so scheint die Vergewaltigung Hassans in der dunklen Gasse auch ein Fortschreiten des eigenen Drangs zu sein, Hassan zu verletzen. Hassan, der alles erträgt, der sich nie gegen die Sticheleien und Quälereien durch Amir wehrt, dessen Loyalität zu Amir so groß ist, Hassan, der die Liebe seines Vaters besitzt, nach der Amir sich so sehnt. Ich glaube, die kleinen Quälereien durch Amir an Hassan waren letztlich Amirs Versuch, sich über Hassan zu definieren und Konturen zu entwickeln, die Amir zu einer konkreten Person werden lassen, zu einer Person, die Amirs Vater Baba lieben und als Sohn akzeptieren kann. Zuzüglich der Wut, die Amir entwickelt, weil Hassan etwas hat, was er nicht besitzt und zuzüglich der Hilflosigkeit, die Amir entwickelt, eben weil Hassan alles erduldet und seine unterwürfige Haltung gegenüber Amir beibehält.

Die Vergewaltigung Hassans scheint Amir die Spitze seiner Quälereien zu sein, er fühlt sich schuldig. Schuldig, weil hier etwas weiterging, was er selbst betrieben hat. Amir fühlt sich wohl nicht nur dafür verantwortlich, dass er Hassan nicht geholfen hat, sein Mut hierfür nichts ausreichte, er fühlt sich auch schuldig, weil der massive Übergriff in seinen Augen nur ein Fortschreiten des eigenen Dranges ist, Hassan zu verletzen. Doch dieser Übergriff übersteigt Amirs Motivation in einem solchen Maße, dass er damit nicht umgehen kann. Denn sein Ziel war wohl ein anderes. Amir ging es um Abgrenzung, Amir ging es darum, in Hassan die Konturen zu finden, die es ihm selbst möglich gemacht hätten, die Eigenschaften zu finden, die Baba in Hassan bewundern und anerkennen kann und die er in sich nicht sieht, weil er anscheinend nichts hat, was sein Vater als schätzenswert empfindet. Die Vergewaltigung jedoch, dieses versuchte Zugrunderichten Hassans ist weit weg von der Motivation, die Amir getrieben hat. Doch das erkennt er nicht. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass Amir viel weniger gut damit umgehen kann, als Hassan, der für sich die Möglichkeit hat, diesen Übergriff in der Gasse als Gewalttat gegen ihn, den Hazara, den Minderwertigen zu interpretieren.

Dieses Ereignis in der Gasse löst in Amir einen tiefen Konflikt aus bestehend aus alten Konfliktpunkten und neuen Elementen.  Eine Herabsetzung Hassans durch eine Vergewaltigung stellt Amir nun vor eine tiefe Kluft. Einerseits liebt er Hassan, er braucht ihn als Gegenstück und will ihn bewahren. Zudem fühlt er sich schuldig, weil er sich nicht traut, einzuschreiten und damit Hassan verrät. Desweiteren stellt er sich durch diesen Verrat auf die Seite die Seite des Vaters, der mit den Eltern des Jungen gesellschaftliche Kontakte unterhält. Weiter ist gerade der Tag, an dem die Vergewaltigung geschieht der Tag, an dem es Amir zum ersten Mal gelungen ist, die Anerkennung seines Vaters dadurch zu bekommen, dass er Sieger im Drachensteigen geworden ist. Hassan, der beste Drachenläufer, erfüllt nochmals einen großen Teil der Anerkennung, da er den Drachen des Gegner fängt und ihn als Trophäe sichert. Diesen Teil der Anerkennung will Amir nicht verlieren. Ein bisschen schmückt er sich hier mit fremden Federn.  Die Vergewaltigung ist jedoch viel zu groß und mächtig, als dass ein zwölfjähriger Junge damit wirklich umgehen kann, vor allem dann, wenn er sich den Tätern gegenüber ohnehin ausgeliefert fühlt - stets war es Hassan, der ihn beschützte und nicht einmal hier brachte er den Mut auf, sich zur Wehr zu setzen. Dass Hassan Amir verzeihen kann, liegt daran, dass Hassan in sich  geklärt ist, Amir jedoch, bei dem alles so unklar ist, ist mit dieser Situation vollkommen überfordert.

Nun stimmt es, dass Amir an dem Tag zu dem wurde, was er heute ist? Ja, insofern, dass Amir diesen Punkt der Feigheit erst gegen Ende der Geschichte hin überwindet,, als er sich entscheidet, Hassans Sohn zu sich zu nehmen. Ja, insofern, dass Amir gegen den Vergewaltiger ein Leben lang hilflos bleibt - so hilflos, dass später Hassans Sohn ihn beschützen muß. Nein, insofern, dass die Grundzüge der Konstellation bereits vorher schon vorhanden waren und auch in gleicher Linie weitergehen. Ja, insofern, dass Amir sein Selbstbild bis zum Ende des Buches hin nicht revidiert. Und ja, insofern, dass hier etwas geschehen ist, was ihn sein Leben lang beeinflussen wird. Aber auch Amir entwickelt sich weiter und überwindet den Punkt der Feigheit. Am Ende wachsen Amir und Hassans Sohn zusammen.

 

Amir betrachtet Hassan nicht wirklich als Freund, obwohl die Bindung sehr eng ist. Eine Freundschaft beruht darauf, dass beide sich auf gleicher Augenhöhe befinden. Dies ist hier nicht gegeben. Durch den gesellschaftlichen Status ohnehin nicht, da Hassan und sein Vater der verachteten Minderheit angehören, Ali und sein Vater zur Oberschicht. Doch auch menschlich ist die gleiche Augenhöhe nicht gegeben. Zum einen ist Amir der Sohn des Hauses, Hassan der Dienstbote. Amir kann lesen und schreiben, Hassan nicht. Beide lieben jedoch Geschichten und lieben es, die Drachen steigen zu lassen - hier sind die Gemeinsamkeiten und die Ähnlichkeiten der beiden Jungen. Obwohl Hassan der Untergebene ist, besitzt Hassan Eigenschaften, die Amirs Vater mehr zu schätzen weiß, als die Eigenschaften seines Sohnes. Durchweg handelt es sich hier um männliche Attribute, zum Beispiel Drachenlaufen oder der Umgang mit der Steinschleuder. So besitzt Hassan genau das, wonach Amir sich stets sehnt - die Anerkennung durch den Vater. Amir verleiht seinem Zorn Ausdruck, indem er Hassan mit kleinen Quälereien aussetzt. Parallel dazu stehen die beiden Väter. Ali, Hassans Vater, besitzt etwas, was Baba, Amirs Vater nicht hat: den Sohn. Zudem fühlt sich Baba schuldig, weil er Ali mit dessen Frau betrogen hat und Hassan eigentlich sein Sohn und Amirs Bruder ist. Ich selbst habe die wirkliche Beziehung zwischen den Personen nicht erraten - zwar wunderte ich mich, dass Alis Vater alles tat, um Hassan und Ali bei sich zu behalten, wertete dies jedoch als Zeichen einer tiefen Verbundenheit über 50 Jahre hinweg. Von der dahinter liegenden Schuld habe ich, ebenso wenig wie Amir, etwas geahnt. Was wiederum zeigt, wie gut es Baba gelungen ist, ein Konstrukt aufzubauen, das zunächst nicht ersichtlich ist und mir schön klar gemacht hat, dass Amirs Rudern immer ein Rudern bleiben würde.

 

Baba erscheint zunächst als seltsamer Mensch. Es ist nicht klar, weshalb er Amir so sehr ablehnt und Hassan so annimmt. Baba wird beschrieben als Mann, der im gesellschaftlichen Leben steht, klare Linien hat und seine Prinzipien vertritt. Amir steht dahinter immer zurück. An dem Tag, als er den Drachenwettkampf gewinnt hat er zum ersten Mal die Anerkennung seines Vaters. Doch sie ist nicht beständig. Dennoch kann er nach diesem Ereignis zum ersten Mal als der auftreten, der er ist - sogar für seine selbst geschriebenen Geschichten hat sein Vater nun ein Ohr. Das Verhältnis ändert sich erst, als beide vor den Russen flüchten. In Amerika erweist sich nun Amir als der Souveränere, die Prinzipien seines Vater muten hier eher lächerlich an. Deutlich wird die nicht vorhandene Flexibilität seines Vaters, die Unfähigkeit, sich den Gegebenheiten anzupassen.

 

Hassan dagegen muß nichts tun, um die Aufmerksamkeit von Baba zu erhalten. Weiß man, dass Hassan sein Sohn ist, ist es klar. Hassan ist der Sohn, der Baba nicht Sohn sein darf. Fraglich ist, ob Baba, ohne diese Sehnsucht nach seinem zweiten Sohn in der Lage gewesen wäre, eine bessere Beziehung zu beiden aufzubauen.

 

In Babas Augen münden alle Gesetze letztlich in einem: ein Mann hat das Recht auf Wahrheit. Dies hat sich wohl in Baba deshalb so sehr geformt, weil die Wahrheit das einzige ist, was er sein Leben lang vorenthalten mußte. Amir jedoch ist von seinem Vater bitter enttäuscht, als er als Erwachsener erfährt, dass sein Vater seinen eigenen Grundsatz so sehr mit Füßen getreten hat. Fraglich ist, ob dies in einer anderen Konstellation überhaupt zu Babas Grundsatz geworden wäre. Eines zumindest scheint deutlich und wirkt für uns Europäer zunächst befremdlich: die Religion spielt in Hassans und Amirs Jugend in deren Hause keine große Rolle. Im Vordergrund stehen die persönlichen Beziehungen. Dennoch befinden wir uns in einem Afghanistan, in dem man gut und in Frieden leben kann. Dies ändert sich im Lauf der Geschichte mit der voranschreitenden Zeit. Assef, der Vergewaltiger, ist ein Symbol dafür, dass die Zeiten sich ändern werden. Er zeigt auf, dass sich bereits früher in Afghanistan Strömungen entwickelten, die von radikaler und grausamer Natur waren. Es zeigt aber auch, dass man sich dagegen noch zur Wehr setzen konnte. Die Vergewaltigung Hassans durch Assef ist jedoch das Zeichen dafür, dass sich die Zeiten in Afghanistan bald ändern werden. Zunächst bekommt man das im Buch nicht mit, da Amir und sein Vater in die USA auswandern. Die Grausamkeiten der Taliban werden erst in dem Augenblick deutlich, als Assef und Amir wieder zusammen treffen, dieses Mal mit Hassans Sohn, den Assef ebenfalls vergewaltigt und quält. Gezielt hat er ihn dafür aus dem Waisenhaus geholt. Wie weit dieses Afghanistan von Amir weg ist und wohl immer war, wird im Buch deutlich, als im Zweikampf zwischen Assef und Amir Hassans Sohn Amir das Leben rettet. Der Satz im Buch: "Du bist hier immer nur Tourist gewesen. Du wusstest es nur nicht." , hat in meinen Augen seine Gültigkeit.

 

Und wer ist nun der Drachenläufer? In meinen Augen Hassan. Amir läßt die Drachen steigen und kämpft seinen Kampf hoch in der Luft. Hassan jedoch, dem gelingt es, die geschlagenen Drachen dort abzufangen und zu bergen, wo sie landen und sie ab diesem Zeitpunkt sicher zu bewahren. Das ist die Aufgabe eines Drachenläufers. Dieser Symbolik nach ist Hassan der Drachenläufer - er ist in der Lage anzunehmen, zu verzeihen und in gegeben Umstände einzusteigen. Amir, dem Drachsteiger, fehlt es hierzu an Überblick, rational und emotional. Wäre Amir ein Drachenläufer, dann wäre er mit Sicherheit einer von denen, die blind dem Drachen nachlaufen, wogegen Hassan weiß, wo der Drache landen wird.

 

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